Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Freunde und Freundinnen von Werkstattfilm!
Das Jahr 2010 neigt sich dem Ende entgegen. Zeit für uns alle, das Jahr einer kritischen Rückschau zu unterziehen. Es war ein gutes und bewegtes Jahr. Nach den erfolgreichen Vor- führungen des Pekol-Films konnten wir fest- stellen, dass sich die Verluste, die erfahrungsgemäß mit jeder Filmproduktion eingefahren werden, aufgrund des sehr guten DVD-Verkaufs während der Weihnachtszeit durch Kooperation mit der NWZ, in Grenzen hielten.
In unserem Film- und Fotoarchiv spitzte sich die Lage zu. Unsere Räumlichkeiten in der Katharinenstraße platzten aus allen Nähten, weil wir in der glücklichen Lage waren, dass uns viele Bürger ihren fotografischen und filmischen Nachlass zur Verfügung stellten. Um die Verwaltung der Stadt Oldenburg und den im Kulturausschuss vertretenen Fraktionen des Rates einen Eindruck von unserer Arbeit und der unangemessen schlechten Unterbringung des audiovisuellen Erbes der Kulturmetropole Oldenburg zu vermitteln, haben wir den Kulturausschuss in unsere Räumlichkeiten eingeladen und in einer Sitzung die Bandbreite unserer Arbeit dargestellt.
Von allen Seiten wurde daraufhin Anerkennung für diese Arbeit ausgesprochen. Hoffnung auf Besserung machte uns auch der Bürgerhaushalt. Der dort eingereichte Bürgerantrag auf höhere Förderung von Werkstattfilm durch die Stadt schien den Lobeshymnen der Politik zu entsprechen. Dieser Antrag setzte sich in den Abstimmungen erfolgreich durch und wurde Verwaltung und Politik zum Entschluss vorgelegt.
Was aber kam dann? Statt über den Bürgerhaushalt zu diskutieren und darüber zu entscheiden, warf die Kulturverwaltung eine Nebelkerze in den Raum. Man unterbreitete aus angeblicher Sorge um den Zustand unseres Archivgutes den Vorschlag, unser Archivgut im Stadtarchiv einzulagern, selbstverständlich unter Kontrolle des Stadtarchivs und weil dort die wissenschaftliche Arbeit nach eigener Einschätzung (von Laien auf dem Gebiete der audiovisuellen Medien!) "intensiviert" werden könne. Die Verwaltung hatte ihr Ziel erreicht, die Diskussion drehte sich nur noch um dieses Thema, bis wir schließlich in einer eindeutigen Ablehnung darstellen konnte, dass wir uns von niemandem, aus welchem fadenscheinigen Grund auch immer, die Kontrolle über unser Archiv aus den Händen nehmen lassen.
Zwischenzeitlich war es uns gelungen, auf dem Gelände der Donnerschwee - Kaserne einen unterirdischen Bunker für unser Archiv zu finden, der allen Anforderungen gerecht wird. Dieser Bunker schützt mit eineinhalb Metern Wanddicke unsere Materialien und hält auch gröbsten Einwirkungen stand. Zudem wird die Luftfeuchte und Temperatur genauestens gesteuert und für das Archivgut optimiert. Und: Nur Werkstattfilm-mitarbeiter haben Zugriff auf das Material. Ein Idealzustand, den wir allerdings völlig ohne Hilfe der Stadt mit unseren geringen Eigenmitteln finanzieren müssen! So weit, unserem Antrag auf Erhöhung der Förderung zuzustimmen, geht die vorgegebene Sorge um das Archivgut natürlich nicht …
Aber wie ging es weiter mit dem Antrag auf erhöhte Förderung, den Bürgerinnen und Bürger der Stadt Oldenburg im Rahmen des Bürgerhaushaltes gestellt haben? Man glaubt es nicht: Bis zum heutigen Tage ist uns nichts über eine Entscheidung bekannt geworden. In der Sitzung des Kulturausschusses vom 16. November 2010 kam es in diesem Zusammenhang zu einer höchst befremdlichen Aufführung. Ein Tagesordnungspunkt der Sitzung lautete "Werkstattfilm". Nach nur kurzer Einführungsdiskussion wurde ohne Begründung und zur völligen Überraschung des Publikums der Antrag gestellt und angenommen, die Diskussion über diesen Punkt nichtöffentlich, also geheim, zu behandeln. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen: Da wird die Debatte, die auch einen Bürgerantrag im Rahmen des Bürgerhaushaltes aufs Engste berührt, der Kontrolle der antragstellenden Bürgerinnen und Bürgern entzogen und geheim behandelt. Über Inhalt und Ergebnis der Debatte haben die Öffentlichkeit und Werkstattfilm bis zum heutigen Tag nichts erfahren. Der offenbar für Verwaltung und Politik unangenehme Bürgerantrag wird also schlicht im Geheimen entsorgt. So kann Transparenz und Bürgerbeteiligung in Oldenburg aussehen!
Wir betrachten diese Vorgehensweise als das Zeugnis einer Debatte, die mittlerweile jämmerliche Züge angenommen hat. Offenbar hat KEINE Fraktion der im Rat vertretenen Parteien trotz vollmundiger Erklärungen in der Vergangenheit ein Interesse daran, die Bewahrung des audiovisuellen Erbes dieser Stadt auch nur annähernd angemessen zu fördern. Gut, wenn man Kulturpolitik unter dem Gesichtspunkt betreibt, sich nichts "ans Bein binden" zu wollen, passt das ins Bild. Dann aber soll man auch dazu stehen, und zwar Aug in Aug mit der Öffentlichkeit (und Werkstattfilm). Diese Aufrichtigkeit kann offenbar in Oldenburg kein im Kulturausschuss sitzender Vertreter der Ratsfraktionen aufbringen, dieses unrühmliche Spiel spielt ausnahmslos jede/r mit!
Werkstattfilm wird darauf in 2011 reagieren und sein Aufgabengebiet der minimalen Förderung anpassen. Wir sind es leid, uns aufzureiben gegenüber Verwaltung und Politik und dafür kaum mehr als verhaltene Neutralität zu ernten, meistens sogar noch weniger! 2011 ist aber auch das Jahr der Kommunalwahl und auch Werkstattfilm hat die Möglichkeit zu wählen und Einfluss zu nehmen. Den kulturpolitischen Umgang der Parteien mit Film, Filmkunst und audiovisuellem Erbe der Stadt werden wir zu gegebener Zeit auf unserer Homepage offenlegen.
An dieser Stelle sei auch all den Kollegen aus Presse und Öffentlichkeit gedankt, die unsere Arbeit kritisch und wachsam begleitet haben. Vielen Dank für Ihren Mut und Ihre Unterstützung!
Nun zum Schluss noch etwas Positives: 2010 war auch das Jahr von zahlreichen Workshops und Seminaren, die immer sehr viel Freude machen. Und es war ein Jahr, in dem in gesteigertem Maße Schülergruppen mit ihren Lehrkräften bei uns Unterstützung bei der Recherche nach stadtgeschichtlich relevanten Materialien finden konnten. Nicht zu vergessen: 2010 war auch das Jahr einer neuen Filmproduktion. Nachdem ein Film von Gustav Tahl aus den 20er Jahren über die Wein- und Spirituosenfabrik Wille in Oldenburg aufgetaucht war, machten wir uns daran, den Hintergrund zu beleuchten. Heraus kam ein Film, der ein interessantes Kapitel Oldenburger Familien- und Wirtschaftsgeschichte beleuchtet und der bei allen Beteiligten auf große Begeisterung stieß.
Ihnen allen wünschen wir besinnliche Festtage und ein erfolgreiches Jahr 2011!
Ihre Werkstattfilmer