| Wie mit weggeschnittenen Augenlidern In der Fremde: Zur Werkschau von Sohrab Shahid Saless im Münchner Filmmuseum Die Frage, warum Herr S. Amok lief, ist nicht ohne weiteres zu beantworten. Ein Versuch: Ein kleiner Junge (Mohammad Zamani) starrt - wie eine Generation früher Jean-Pierre Leaud als Antoine Doinel - mit viel zu großen Augen in die Welt. Er weiß nicht, wie ihm geschieht, er weiß bloß, daß er laufen muß. »EIN EINFACHES EREIGNIS« (1973) war der erste Spielfilm von Sohrab Shahid Saless. Zu Hause in Teheran wurde er ausgezeichnet, dann auf die Berlinale eingeladen. Dort demonstrierten die Exil-Perser um Bahman Niroumand, weil der Film nichts von den wirklichen Verhältnissen im Iran zeige. Kein Schah-Schah-Mörder-Schah, sondern ein kleiner Junge, der nicht zum Leben kommt. Der in die Schule geht, und nicht versteht, was der Lehrer vorsagt, der längst in den Wirtschaftskreislauf seiner Vorfahren eingespannt ist. Nur einmal, am Grab seiner Mutter, stehen Vater und Sohn zusammen. Aber was hilft es, das Leben muß weitergehen. Das Leben ist Fische fangen, Fische verkaufen, und die Schule eine Qual. Aber es passiert doch nichts? Nein, es passiert nichts. Der Junge läuft, läuft um sein Leben. Die Zeit vergeht, die Zeit bleibt stehen. Gibt es Schlimmeres? In »STILLEBEN«, ein Jahr später, hört man den Wecker schnackern. Die Zeit wird streng zerteilt von der Uhr und vom Zug. Der Bahnwärter senkt die Schranke, wenn ein Fernzug durchfährt oder nur der Schienenbus mit dem Kurier. Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter, der Bahnwärter erfüllt seine Pflicht. Seine Frau knüpft an einem Teppich und macht den Tee heiß, wenn der Bahnwärter nach Hause kommt.
1962, mit 18, ging Saless von Teheran nach Wien und wollte Film studieren. Er lernte Mitteleuropa kennen, lernte, daß man bei einer Einladung sagt: »Das Essen war ein Gedicht«. Saless erkrankt an Tbc, zieht weiter nach Paris, dreht in Teheran Dokumentarfilme über tanzende Derwische, macht im Auftrag des Kulturministeriums Werbung für den technischen Fortschritt, der mit der »Weißen Revolution« des Schahs auch nach Persien kam. Dann gab es Arger mit den Behörden, Saless verließ seine Heimat ein weiteres Mal. Nicht noch einen Film über das Gastarbeiter-Dasein habe er drehen wollen, sagt Saless im Vorspann des dritten Films, sondern einen über das Elend. »Urbedeutung dieses schönen, vom heimweh eingegebnen wortes ist das wohnen im ausland, in der fremde«, heißt es im Grimmschen Wörterbuch. Der Türke Hussein verbringt seine Tage zwischen der Stanzmaschine und einer heruntergewirtschafteten Wohnung, wo er mit anderen Türken zusammenlebt. Er versteht kaum Deutsch, kann sich Frauen nur mit eingelernten Phrasen nähern und versteckt, da er doch allein ist, sein Geld in der Unterhose. Als ihn eine böse Nachbarin zum Kaffee hereinbittet, kommt es zur einzigen komischen Szene in Saless' Filmen: Die alte Frau zeigt Hussein ein Photo ihres Sohnes. Hussein lobt, wie er's gelernt hat, während sich die Alte über die Erbschleicherei ihres Sohnes beklagt. Sie werden sich nie verstehen. Unverwandt schaut Saless auf diese Fremden in dem Kreuzberger Loch, betont ihre Heimatlosigkeit noch durch das Poster von Ben Cartwright, das Tee-Ritual, die Gespräche über Deutschland draußen vor der Tür. Er muß immer schauen, muß starren wie der kleine Junge im »EINFACHEN EREIGNIS«. Den Blick lenkt Ramin R. Molai, der fast alle Saless-Filme gedreht hat. Die Einstellungen dehnen sich unendlich, die Zeit steht still, die Zeit pocht, aber man kann ebenso wenig wegschauen wie der Regisseur, es ist, wie Kleist und Brentano einmal geschrieben haben, »als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären«. Im Club Arena geht es ums Geschäft. Die fünf Frauen lassen Geschlechtsverkehr mit sich machen und reden in den Pausen dazwischen über Urlaub und ferne Kinder. Das Geschäft gehört Heinz, sie arbeiten also für Heinz, sie liefern das Geld ab bei Heinz, sie fürchten Heinz. Manchmal kömmt Heinz (Manfred Zapatka) zum »Bumsen« vorbei, dann schlägt er wieder zu und verschwindet in seinem Zimmer. Dort betreibt er ein Büro mit Kontorbuch, Telephon und Revolver. Saless drehte »Das Kabinett des Dr. Caligari« nochmal neu für die Bundesrepublik. Fünf Jahre mußte er das Drehbuch für »UTOPIA« (1982) herumbieten, niemand wollte es haben. Verständlich eine Geschichte aus dem Puff, aber ohne Sex, ohne Stöhnen, ohne Strapse, das nackte Grauen. Auch »UTOPIA« ist kein politischer Film, sondern viel schlimmer, die reine Wahrheit, also eine Tortur. Selbst Rosi, die einmal davonläuft, kehrt wieder zurück. Eine andere schneidet sich die Pulsadern auf, aber auch sie weiß sich nichts anderes als die Arbeit fürs Geschäft. Wie ein antiker Chor umstehen die fünf Frauen ihren Tyrannen, hören sich sein Gebell an, seine Befehle, lassen sich demütigen und schlagen und reihum beschlafen. Auch eine Vernichtung durch Arbeit. Schließlich gelingt Renate die befreiende Tat, der Tyrannenmord. Mit der Schere sticht sie Heinz zweimal in die Brust. Heinz beschimpft sie noch alle, aber er verblutet. Die Frauen prügeln auf den Toten ein, und zuletzt erschießt ihn Renate noch. Die Frauen reinigen den Club und sind endlich frei. Frei? »Ab an die Arbeit, meine Damen!«, kommandiert jetzt Renate, als es wieder an der Tür klingelt. Die Liebe höret nimmer auf, die Arbeit geht immer weiter. Warum lief Herr S.Amok? Herbert Achternbusch erkannte den Bruder, »dem es fast noch schwerer fällt als mir, Geld für seine Filme aufzutreiben, für seine strengen Filme, die so schön sind, daß andere Filme als neckische Unterwäsche erscheinen«. Lotte Eisner verwendet sich für Saless, die Kritiker rühmen ihn in Frankreich und England und, ja, sogar in Deutschland. Er hatte es doch gut. Warum mußte Herr S. Amok laufen? Zweimal drohte ihm die Abschiebung die »Aufenthaltserlaubnis ersetzt nicht die Arbeitserlaubnis«" wurde in seinen Paß gestempelt, und das Kreisverwaltungsreferat der Stadt München verfügte handschriftlich einen demokratischen Gnadenakt - »mit Ausnahme der Tätigkeit als freischaffender Filmregisseur und Drehbuchautor«. Sein Freund Farschid Ali Zahedi hat in Oldenburg (ausgerechnet!) Material für ein Saless-Archiv zusammengetragen. Briefwechsel mit Produzenten, Redakteuren, Jurys. Recherche-Material, Abrechnungen und Dispos. Vier Umzugskartons voller Drehbücher undTreatments stehen da, an die hundert sollen es sein. Wenn er nicht trank, schrieb Saless, und wenn er trank, schrieb er offenbar noch mehr. Er bestürmte Redakteure, jetzt aber ohne Erfolg. Saless schrieb Drehbücher, fiel den Fernsehleuten lästig, feilschte mit Produzenten um Tantiemen und stellte wieder einen Preis neben die anderen. In den Siebzigern hat wahrscheinlich kein deutscher Regisseur so viele Preise bei so vielen Festivals abgeräumt wie der iranische Staatsbürger. Er hatte bloß kein Geld für seinen nächsten Film. Drehte Dokumentationen zwischendurch, ging weiter hausieren und bekam wieder Preise. Nur wird davon keiner fett. »Morgen gehe ich zum Arzt«, schreibt er 1982 an seine Freundin, »und lasse mir das Blut aus der Ader holen, um festzustellen,wie weit es mit mir ist.« Noch nicht weit genug. Mit dem rasenden Dichter Christian Dietrich Grabbe verstand er sich, aber der war schon 1836 gestorben, zerrüttet, kaputtgesoffen. Und Bruder Tschechow. Saless drehte einen Film über den melancholischen Anton Tschechow und verfilmte eine Erzählung, »DER WEIDENBAUM«. Aber auch Tschechow war schon lange tot.
»ROSEN FÜR AFRIKA«, der letzte Film den Saless machen konnte, lief Pfingsten 1992 im ZDF, drei Stunden Überforderung des Zuschauers. Dabei ist er regelrecht nützlich: Zeigte man ihn auf dem Standesamt, allen Heiratslustigen verginge noch rechtzeitig der Spaß an der Ehe. Karola und Paul lieben sich so sehr daß sie sich schlagen müssen. »Ist es schon zu Ende?« fragt Karola. Aber nein, sie sind doch verheiratet. Wieder das Leben als rasender Stillstand, als tödlicher Lauf. Einen Telestar gab man ihm doch dafür, aber für einen neuen Auftrag reicht es nicht. Warum also lief Herr S. Amok? In Wim Wenders' Film »Falsche Bewegung« (Drehbuch: Peter Handke) spricht ein Industrieller über das moderne Deutschland. »Die Angst gilt hier als Eitelkeit oder Schande. Deswegen ist die Einsamkeit in Deutschland maskiert mit all diesen verräterischen entseelten Gesichtern, die durch die Supermärkte, Fußgängerzonen und Fitnesszentren geistern. Die toten Seelen von Deutschland«. Saless hat die Geschichte dieser toten Seelen erzählt. Das hätte er besser nicht getan. Als er sie erzählt hatte, wanderte er aus. Nach Chicago und jetzt zum letzten Mal. Was immer er sich von Amerika erwartet hatte, dort fand er erst recht keinen Geldgeber. Die Mutter hat die Familie früh verlassen, dafür haßte er alle Frauen und wurde wieder geliebt von ihnen. Die Mutter stirbt schon im ersten Spielfilm. »Was hatte deine Mutter?«, fragt der Lehrer den Sohn. »Sie hatte Magenschmerzen.« Saless folgte ihr nach. Das Ende? Kam, als er die Tür nicht mehr öffnen konnte. Hinter der verschlossenen Tür brach er zusammen, verblutete, lief aus. Endlich war es soweit. Ein einfaches Ereignis. In den neun Monaten seit Saless' Tod in Chicago hat das deutsche Fernsehen, Abteilung öffentlich-rechtlich, keinen, wiederhole: keinen einzigen Film von Saless gezeigt. Vier Spielfilme drehte Saless in Deutschland, sieben Fernsehfilme, zwei Dokumentationen, aber keiner davon war in den letzten neun Monaten zu sehen. Auch nicht bei arte oder 3sat. Ist das der berühmte Bildungsauftrag oder doch Rache an einem nervigen Bittsteller? Wozu braucht man die Kulturprogramme dann überhaupt noch? Eberhard Fechner betrieb die Aufnahme des bewunderten Kollegen Saless in die Berliner Akademie der Künste, aber die Akademie hatte dann Wichtigeres zu tun und ließ ihn bereits zu Lebzeiten verenden. Nach Saless' Tod gab es immerhin eine kleine Feierstunde, und Hans Helmut Prinzler fragte: »Müssen wir nicht eingestehen, daß wir uns eigentlich schon vor längerer Zeit von ihm verabschiedet haben?« Das nackte Elend. Warum also lief Herr S. Amok? Seine Filme zeigen es. Sehen Sie selbst. [Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung, März 99] Seitenerstellung: Bernd Poch Verantwortlich: Ali Farschid Zahedi Iran, Filmemacher, Saless, Kino, Oldenburg, Melbeck, Oldenburg, Werkstattfilm |
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