| Utopia BRD 1982 »UTOPIA ist kein pornographischer Film und wird auch in keiner Weise pornographisch gedreht. Das Thema Utopia will nicht über die Macht des Schicksals reden, es predigt auch keine Resignation. Der Film erzählt einfach und schlicht: Von der gegenwärtigen Richtung können wir keine Lösung bzw. keine Rettung erwarten. Daß wir ganz andere Werte haben und andere Horizonte suchen müssen. UTOPIA ist die Darstellung der. Geschichte der Ausbeutung und Unterdrückung der Menschen... und daß die Menschen Utopia selbst sind.«
[Sohrab Shahid Saless, Treatment zum Film UTOPIA, Juni 1977, Berlin] Höllenmeditation »Utopia«, das 1983 entstandene, neueste Werk des vierzigjährigen, seit zehn Jahren in der Bundesrepublik lebenden und arbeitenden persischen Filmregisseurs Sohrab Shahid Saless, ist einer der erbarmungslosesten, unerbittlichsten Filme, der seit den „120 Tagen von Sodom« gedreht wurde. Wie Pasolinis letzter Film spielt auch »Utopia« in einer nach allen Seiten hin verschlossenen Welt. Hier gibt es kein Nebenan, kein Draußen, kein Unten, kein Oben. Es gibt nur den Innenraum, das Gefängnis, den Betrieb, den »Club«, den Puff: die dunkle, grabkammerähnliche Berliner Altbauwohnung, in der Heinz (der Zuhälter als Manager mit eisiger Brutalität gespielt von Manfred Zapatka) seine fünf Angestellten zur Arbeit antreibt. Er tritt sie, schlägt und vergewaltigt sie. Er überwacht sie, lauert hinter der Tür, kontrolliert ihre Sachen. Dann kniet er in seinem Zimmer auf dem Boden, von unerträglichen Kopfschmerzen gepeinigt. Unter losen Geldscheinen und Papieren verborgen, liegt ein Photoalbum in seinem Schreibtisch. Manchmal blättert er darin: Kinderbilder. Daneben liegt die Pistole.
Am Morgen sitzen sie in der schäbigen Küche, versuchen hilflos miteinander zu reden. Heinz ist nicht da. Wenn Heinz wiederkommt. Wenn Heinz nicht wiederkommt. Sie können ja gehen, verschwinden, aber wohin. Utopia, das ist das griechische Wort für »nirgendwo«. Susi flieht, nach ein paar Wochen ist sie wieder da; Monika schneidet sich die Pulsadern auf, und kehrt zurück. Heinz klascht in die Hände: »An die Arbeit!« Durch den dunklen Flur tappen die Kunden, die Frauen treten nacheinander herein, nennen ihren Namen, die Preise; das Geld schließt Heinz in seinen Schreibtisch. Welche Hoffnungen auf schnellen Reichtum die fünf Frauen im »Club Arena« auch bereits verloren haben, noch immer bleibt ihnen die wahnharte Illusion eines bürgerlichen Glücks »danach«. Doch als sie sich in einem Moment äußerster Demütigung aufbäumen und ihn, ihren Herrn im dunklen Flur erschlagen wie ein gespenstisches Insekt, gibt es kein Danach mehr. Renate, die älteste, führt den Club weiter: »An die Arbeit, meine Damen!« Saless, dem bereits mit Filmen wie »Reifezeit« und „Grabbes letzter Sommer« Studien von quälender Intensität und Kompromißlosigkeit gelun- • gen sind, ist in »Utopia« noch einen Schritt weitergegangen. Weder sozial-ambitioniertes Rührstück mit pornographischen Einlagen, noch existentialistische Parabel des unfehlbar ins Sosein geworfenen Menschen, noch Melodram in postmodernem Chic a la »Flambierte Frau« ist „Utopia" eine Meditation über Gewalt und Qual. Wie die Gemälde Breu-ghels sind die Bilder dieses Films Vergegenwärtigung der Hölle, einer dumpfen, armseligen, sehr diesseitigen Hölle. Doch Saless' Figuren sind keine Phantasiefiguren. Ihre Unwirklichkeit, ihre Monstrosität entsteht anders als bei Breughel nicht durch phantasievolle Ausschmückung sondern in der Reduktion der gezeigten Wirklichkeit, in der Konzentration auf das monotone Ritual des Quälens und Sichverkaufens. Wie wenige Regisseure weiß Saless mit der Dimension Zeit umzugehen, die Stunden langsam verrinnen zu lassen die Minuten zu dehnen, sie in angstvollem Warten und Lähmung physisch spürbar zu machen. Mit dem Blick eines Mikrobenforschers hält er Leichenschau am Lebenden. Ohne zu psychologisieren, nur mit dem Mittel der Verlangsamung, der stereotypen Wiederholung, erklärt Saless seine Figuren, beschwört er eine Atmosphäre qualvollen Abgestorbenseins mitten im Leben. Unter der Zeitlupe wird die Mechanik der Einsamkeit, die unter diesen sechs Menschen herrscht, deutlich. Sie alle, die Frauen, der Zuhälter, die schattenhaft im Flur auftauchenden Kunden, sind Längst-Gestorbene, Apalliker, in mechanischer Bewegung gehalten nur noch von der künstlichen Nahrung ihrer Illusionen. Das ZDF beweist Mut, diesen radikalen Film -wenn auch spät am Abend - auszustrahlen. Ich fürchte, wenige nur werden dessen Wahrheit dreieinhalb Stunden lang ertragen können. [Benedikt Erenz, DIE ZEIT 1984] ZurückSeitenerstellung: Bernd Poch Verantwortlich: Ali Farschid Zahedi Iran, Filmemacher, Saless, Kino, Oldenburg, Melbeck, Oldenburg, Werkstattfilm |
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