Utopia

BRD 1982
R: Sohrab ShahidSaless
B: Saless Manfred Grunert
K: Rarnin Reza Molai
M: Rolf Bauer
D: Manfred Zapatka, Imke Barnstedt, Gundula Petrovska, Gabriele Fischer, Johanna Sophia, Birgit Anders - 
198 Min.

»UTOPIA ist kein pornographischer Film und wird auch in keiner Weise pornographisch gedreht. Das Thema Utopia will nicht über die Macht des Schicksals reden, es predigt auch keine Resignati­on. Der Film erzählt einfach und schlicht: Von der gegenwärtigen Richtung können wir keine Lösung bzw. keine Rettung erwarten. Daß wir ganz ande­re Werte haben und andere Horizonte suchen müssen. UTOPIA ist die Darstellung der. Ge­schichte der Ausbeutung und Unterdrückung der Menschen... und daß die Menschen Utopia selbst sind.« [Sohrab Shahid Saless, Treatment zum Film UTOPIA, Juni 1977, Berlin] 
Seit 1977 wurde das Treatment allen in Frage kom­menden Filmförderungsgremien angeboten und bis 1981 immer wieder abgelehnt.

Höllenmeditation
Vor diesem Film sei gewarnt! Er schockiert nicht, er macht nicht betroffen, er erschüttert nicht, kurz: Es ist unmöglich, anschließend noch ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen und drüber zu reden. Dieser Film quält, erschöpft. Der Zuschauer ma­che sich darauf gefaßt. Dreieinhalb Stunden lang wird er ohne sich wehren zu wollen oder zu kön­nen, dem lähmenden Ritual dieses Films ausgelie­fert sein. Anschließend wird er vergeblich versu­chen, möglichst rasch und traumlos einzuschlafen.

»Utopia«, das 1983 entstandene, neueste Werk des vierzigjährigen, seit zehn Jahren in der Bun­desrepublik lebenden und arbeitenden persischen Filmregisseurs Sohrab Shahid Saless, ist einer der erbarmungslosesten, unerbittlichsten Filme, der seit den „120 Tagen von Sodom« gedreht wurde. Wie Pasolinis letzter Film spielt auch »Utopia« in einer nach allen Seiten hin verschlossenen Welt. Hier gibt es kein Nebenan, kein Draußen, kein Unten, kein Oben.

Es gibt nur den Innenraum, das Gefängnis, den Betrieb, den »Club«, den Puff: die dunkle, grabkammerähnliche Berliner Altbauwohnung, in der Heinz (der Zuhälter als Manager mit eisiger Brutalität gespielt von Manfred Zapatka) seine fünf Angestellten zur Arbeit antreibt.

Er tritt sie, schlägt und vergewaltigt sie. Er über­wacht sie, lauert hinter der Tür, kontrolliert ihre Sachen. Dann kniet er in seinem Zimmer auf dem Boden, von unerträglichen Kopfschmerzen gepei­nigt. Unter losen Geldscheinen und Papieren ver­borgen, liegt ein Photoalbum in seinem Schreib­tisch. Manchmal blättert er darin: Kinderbilder. Daneben liegt die Pistole.

Durch den dunklen Flur tappen die Kunden. Eine Tür geht auf. Die fünf Frauen treten nach­einander ein, nennen ihren Namen, den Preis, »Ex­tras zweihundert«, liefern das Geld beim Chef ab. Dann wird der Verkehr durchgeführt.

Am Morgen sitzen sie in der schäbigen Küche, versuchen hilflos miteinander zu reden. Heinz ist nicht da. Wenn Heinz wiederkommt. Wenn Heinz nicht wiederkommt. Sie können ja gehen, ver­schwinden, aber wohin. Utopia, das ist das grie­chische Wort für »nirgendwo«.

Susi flieht, nach ein paar Wochen ist sie wieder da; Monika schneidet sich die Pulsadern auf, und kehrt zurück. Heinz klascht in die Hände: »An die Arbeit!« Durch den dunklen Flur tappen die Kun­den, die Frauen treten nacheinander herein, nen­nen ihren Namen, die Preise; das Geld schließt Heinz in seinen Schreibtisch.

Welche Hoffnungen auf schnellen Reichtum die fünf Frauen im »Club Arena« auch bereits verlo­ren haben, noch immer bleibt ihnen die wahnharte Illusion eines bürgerlichen Glücks »danach«. Doch als sie sich in einem Moment äußerster Demüti­gung aufbäumen und ihn, ihren Herrn im dunk­len Flur erschlagen wie ein gespenstisches Insekt, gibt es kein Danach mehr. Renate, die älteste, führt den Club weiter: »An die Arbeit, meine Damen!«

Saless, dem bereits mit Filmen wie »Reifezeit« und „Grabbes letzter Sommer« Studien von quä­lender Intensität und Kompromißlosigkeit gelun- • gen sind, ist in »Utopia« noch einen Schritt wei­tergegangen.

Weder sozial-ambitioniertes Rührstück mit por­nographischen Einlagen, noch existentialistische Parabel des unfehlbar ins Sosein geworfenen Men­schen, noch Melodram in postmodernem Chic a la »Flambierte Frau« ist „Utopia" eine Meditation über Gewalt und Qual. Wie die Gemälde Breu-ghels sind die Bilder dieses Films Vergegenwärti­gung der Hölle, einer dumpfen, armseligen, sehr diesseitigen Hölle. Doch Saless' Figuren sind kei­ne Phantasiefiguren. Ihre Unwirklichkeit, ihre Monstrosität entsteht anders als bei Breughel nicht durch phantasievolle Ausschmückung sondern in der Reduktion der gezeigten Wirklichkeit, in der Konzentration auf das monotone Ritual des Quälens und Sichverkaufens. Wie wenige Regis­seure weiß Saless mit der Dimension Zeit umzu­gehen, die Stunden langsam verrinnen zu lassen die Minuten zu dehnen, sie in angstvollem War­ten und Lähmung physisch spürbar zu machen.

Mit dem Blick eines Mikrobenforschers hält er Leichenschau am Lebenden. Ohne zu psychologisieren, nur mit dem Mittel der Verlang­samung, der stereotypen Wiederholung, erklärt Saless seine Figuren, beschwört er eine Atmosphä­re qualvollen Abgestorbenseins mitten im Leben. Unter der Zeitlupe wird die Mechanik der Ein­samkeit, die unter diesen sechs Menschen herrscht, deutlich. Sie alle, die Frauen, der Zuhälter, die schattenhaft im Flur auftauchenden Kunden, sind Längst-Gestorbene, Apalliker, in mechanischer Be­wegung gehalten nur noch von der künstlichen Nahrung ihrer Illusionen.

Das ZDF beweist Mut, diesen radikalen Film -wenn auch spät am Abend - auszustrahlen. Ich fürchte, wenige nur werden dessen Wahrheit drei­einhalb Stunden lang ertragen können. [Benedikt Erenz, DIE ZEIT 1984]

ZurückSeitenerstellung: Bernd Poch

Verantwortlich: Ali Farschid Zahedi

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Weitere Informationen unter: www.saless.de