Tabiate Bijan
Stilleben

Iran 1974,

R und B: Sohrab Shahid.Saless
K: Hushang Bahariu
D: Zadour Bonyadi, Zahm Yazdani, Habibollah Safarian, 95 Min., Originalfassung

In ländlich abgeschiedener Einsamkeit lebt ein al­ter Bahnwärter ein einförmiges, aber anscheinend nicht unzufriedenes, äußerst bescheidenes Leben. Während er für die wenigen Züge ruhig, ohne jeg­liche Hast und zuverlässig, die Schranken öffnet und schließt, er hat sein Leben lang nichts anderes getan, hockt seine Frau im ärmlichen Haus vor ei­nem Webrahmen und knüpft Teppiche, die ihnen dann Händler für geringen Lohn abnehmen. Sie brauchen das Geld als Zuverdienst. Die Frau kocht das Essen. Die beiden Alten speisen zusammen. Sie reden nicht viel, eigentlich nur das Notwen­digste, das buchstäblich Lebens-Notwendige. Der Sohn kommt kurz auf Besuch. Er ist beim Militär. Eines Tages tauchen Kontrolleure auf, sehen den Bahnwärter, fragen nach seinem Alter. Er weiß es nicht. Bald darauf wird ihm seine Pensionierung mitgeteilt. Der Mann möchte sich dagegen auf­lehnen. Für ihn ist es gar nicht »normal«, daß man ihn entläßt. Wo soll er hin, er hat ja kein anderes Zuhause. Was wird aus ihm und seiner Frau wer­den? Der Film beantwortet diese Frage nicht. Er beantwortet überhaupt keine Fragen, er zeigt nur Menschen in einer Situation. Der Zuschauer ist aufgefordert, sich seine eigenen Gedanken zu ma­chen. Sie müssen unweigerlich auf Veränderung gerichtet sein.

Saless erlaubt der Kamera keine Fahrten und Schwenks, keine Effekte. Er erzählt in langen Ein­stellungen, in denen sich die Menschen langsam, bedachtsam und müde, bewegen. Ein Leben in aus­getretenen Pfaden. Nature morte — ein Stilleben über das Altsein, ein fast sprachloses Endspiel. Ein Film für sensible, empfindsame Zuschauer, die noch nicht abgestumpft sind. Leute, die im Kino ihre eigene innere Leere von Aktionen übertonen lassen, werden ihn langweilig finden, weil sie taub für das Leise sind, blind für Gesichter und Land­schaften.

[Kurt Habemoll, Berlinale-Zeitung 1974]

Zur letzten Einstellung von Stilleben

Mr. Saless, do you want to read your poem? - Yes. Do you remember the lines? Yes. Will you please recite it?

Suddenly I was old

Suddenly I was old 
I looked in the mirror 
The mirror had grown old, too 
Then I remembered my childhood 
Back then, I was old and aged
 The mirror laughed out of happiness 
That's all...

[Saless im Interview mit Mehmaz Saceed Vafa, 1998]

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Seitenerstellung: Bernd Poch

Verantwortlich: Ali Farschid Zahedi

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