Mo. 5.7. 20:00 Uhr

Rosen für Afrika

BRD 1991

R: Sohrab Shahid Saless
A:Saless, nach dem Roman von Ludwig Fels
K: Eberhard Scheu
D: Silvan-Pirre Leirich, Ursula Rosenberger, Jan Biczycki, Enzi Fuchs,
Ingeborg Schöner, Hans Häckermann, Axel Ganz, Manfred Zapatka 
183 Min.

Wenn das tödliche Amüsement, im Fernsehen wie im Kino, immer mehr um sich greift, muß es ein radikaler Künstler wie Sohrab Shahid Saless schwer haben, schrieb ein Kritiker 1987, als die ARD Saless' letzten Fernsehfilm WECHSEL­BALG sendete .... Saless ist ein schwieriger Künst­ler, der, wie Lotte H. Eisner sagte, sozialkritisch die unterschiedlichsten Phänomene analysiert, »wie die Funktion des Geldes, die Unterdrückung durch Kapital, die Stellung der Frau in der Gesellschaft, das Haus als Zuflucht, den Verlust der Sensibilität in der kapitalistischen Gesellschaft.« Aber, so sag­te Lotte Eisner auch, Saless »fühlt mit den Men­schen. Bei den Fremden zum Beispiel, die arbei­ten und ohne Liebe leben, fühlt er mit ihnen mit.«

Vier Jahre hat dieser radikale Künstler keinen Film mehr gemacht. Daß er EIN UNDING DER LIEBE nicht selbst inszenieren konnte, hatte mit einer schweren Krankheit zu tun. Nun, nach meh­reren Versuchen, Projekte bei den deutschen Fern­sehanstalten unterzubringen, nach einigen Dreh­buchentwürfen, die in der Tschechoslowakei ent­standen, wo er die letzten Jahre lebte, hat er, durch einen Zufall und den ZDF-Redakteur Willi Seg­ler begünstigt, einen dreistündigen Fernsehfilm gedreht: ROSEN FÜR AFRIKA. »Ich möchte Fil­me machen, die vom richtigen Leben, von mensch­lichen Verhältnissen reden, wie sie sind und so den Menschen etwas geben können«, hat Saless ein­mal gesagt.

ROSEN FÜR AFRIKA erzählt vom richtigen Leben, von einem, der am Rande der Gesellschaft lebt. Der dreißigjährige Paul Valla träumt von (ei­ner Reise nach) Afrika, aber in seinem unregelmä­ßigen Gelegenheit-macht-Diebe-Leben schlittert er immer weiter von der Realisierung dieses Traums weg und will ihn doch, bis zum tödlichen Ende, erzwingen. Das Grundthema dieser Geschichte ist wie in EIN UNDING DER LIEBE und den mei­sten von Saless' Filmen: »Die Suche nach Liebe«. Zunächst scheint Paul Glück zu haben: er lernt eine junge, wohlhabende Frau kennen und heira­tet sie. Doch schnell wird ihm das familiäre Netz zu eng, er sucht sich mit Gewalt daraus zu befrei­en, nach dem Höhenflug der Sturz ins Bodenlose. Saless erzählt von Paul Vallas Aufstieg und Schei­tern mit der ihm eigenen akribischen Bedachtsam­keit. Das ist, gegen die schnellen Oberflächen­reizungen gesetzt, als Provokation zu verstehen;

Saless will »Fragen auslösen, Verzweiflung; alles bis zum letzten Kern in Frage stellen und Hoffnung wecken.«

Saless will mit seinen Filmen provozieren, will keine Filme machen, die man gelangweilt »gut« nennt. Er will gegen den Strom gehen, will alltäg­liche Tabus zerstören: »Ein junger Mann, der säuft und seiner schwangeren Frau in den Bauch tritt -so eine Szene kann man, heißt es, nicht verfilmen, denn dieser Kerl ist ein Schwein, ein Tier.« Doch es gibt eine solche Szene in ROSEN FÜR AFRI­KA. „Wir haben zwar gelernt, die Zähne zu put­zen, Krawatten und Uhren zu tragen«, meint Saless, »aber wenn es hart auf hart kommen würde, dann würden wir uns als Kinder Darwins zeigen, wür­den den anderen fressen. Deshalb sollen solche Fil­me wie ROSEN FÜRAFRIKA gezeigt werden, Ge­schichten, die ich mir aussuche, damit man als Mensch nicht zu behäbig wird und alles gut und schon findet. Ich wollte immer einen Film machen, der mit einer Heirat beginnt und in einer Kata­strophe endet - nicht weil ich gegen die Ehe oder gegen die Familie bin, sondern weil ich zeigen möchte, daß diese Fata Morgana von Glück auch ihre Fehler hat.«

Saless hat viele düstere Geschichten erzählt, hat in den Jahren, in denen er sich in die Tschechoslo­wakei zurückgezogen hatte, vier »düstere« Drehbücher geschrieben, von denen zwei (deswegen) abgelehnt wurden. Einmal allerdings hatte er ei­nen Komödienstoff angeboten, eine Geschichte über drei Sargträger — und verstieß damit wieder gegen ein Tabu. Wenn komisch, hatte er sich ge­sagt, dann makaber. »Ich habe nicht die Begabung, Filme zu machen wie Woody Allen, und von den vielen Komödien, die in den Kinos erfolgreich sind, halte ich nichts. Das sind meist faule Erfolge, weil man mit ihnen den Menschen die Kultur klaut. Die werden zum leichten Konsum in Mengen an­geboten, so lange bis die Leute sagen, Nicht-Den­ken ist besser als Denken. Je einfacher die Denk­weise, desto weniger sind die Menschen zu pro-blematisieren.«

Saless gilt als »schwieriger« Regisseur, schwierig, weil er sich nicht von seinen Themen, von seinen Sichtweisen, seiner ruhig-langsamen Erzählung abbringen läßt. Schon einmal, in den siebziger Jah­ren, hat er deshalb längere Zeit keine Filme ma­chen können, mußte er als Nachtportier jobben. Daß er überhaupt in Deutschland (Fernseh-) Fil­me machen konnte, für Kollegen wie Werner Her­zog, Herbert Achternbusch oder Eberhard Fechner gar als deutscher Filmemacher gilt, bezeichnet er als große Ehre, »wie sie etwa auch Buñuel in Mexico zuteil wurde. Ich wußte das zu schätzen, auch wenn ich unbequem war. Meine Schwierigkeiten beruh­ten darauf, daß ich in meinem Sinne gute Filme machen wollte und daß die Produzenten das miß­verstanden haben. Wahrscheinlich habe ich zuviel verlangt! Die Leute, die damals meine Arbeit zur Hölle gemacht haben, besitzen nicht die Sensibili­tät zu kapieren, daß der Film darunter leidet.«

Zwei Filme - DER WEIDENBAUM und HANS - EIN JUNGE IN DEUTSCHLAND drehte er in der Tschechoslowakei. Da mußten sich die deutschen Profis (»Ich bin ein Mensch von Ordnung geworden«) mit einer ganz anderen Mentalität auseinandersetzen. Diese andere Men­talität und die slowakische Sprache faszinierten ihn und so ließ er sich in der Nähe von Bratislava nie­der. Als Landstreicher sieht er sich, der durch die ganze Welt gezogen ist und die meiste Zeit seines Berufslebens aus dem Koffer gelebt hat. Ein Welt­bürger mit einem iranischen Paß, der nichts von Patriotismus, von Nationalismus hält. „Das Schlimme ist, daß so viele Leute bei uns / bei euch sagen: »In meinem Paß steht, wie groß ich bin, wie alt, was für einen Beruf ich habe, aber meine Seele kommt da nicht vor.« - Die Seele hat, glaube ich, mit den Wurzeln des Lebens, wo man gebo­ren wurde, wo man aufgewachsen ist, nichts zu tun. Wenn ich länger irgendwo geblieben bin, mich nicht bewegt habe, langweile ich mich furchtbar, bekomme ich das Gefühl ich sterbe, ich weiß nicht warum. Dann reise ich weg, damit ich in dieser Stadt nicht sterbe." So ist Saless von zu Hause weg­gegangen, nach Wien, Paris, Zürich. Er wollte stu­dieren, Kameramann werden, hatte aber kein Geld, mußte als Nachtportier, als Fensterputzer arbeiten, erkrankte an Tbc und dachte: „Ich bin Chopin oder Kafka.« Er absolvierte die Schauspielschule, stu­dierte Französisch, besuchte eine Filmakademie in Paris und hungerte sich den Magen kaputt. Als er die Krankheiten überwunden hatte, begann er 1969 Dokumentarfilme zu drehen für das irani­sche Kulturministerium, machte 1973 mit EIN EINFACHES EREIGNIS seinen ersten Spielfilm in seiner Heimat, arbeitete in Deutschland, bis er, so sagt er, »die Ehre hatte, an Krebs zu erkranken« Auch diese Krankheit hat er, soweit das abzusehen ist, überwunden: sie hat ihn, meint Saless, »abge­brühter und zugleich lebensfroh gemacht. Natür­lich ist es schwer, damit zu leben. Aber es ist nicht richtig, darüber zu schweigen, nur damit einen die Leute nicht bemitleiden. So lange ich lebe, sehe ich keinen Grund, daß man mich bemitleiden muß. Deswegen möchte ich einen Film über den Tod machen, damit die vielen Menschen, die das gleiche Problem haben, sich auch so damit abfin­den. Es gibt so viele Leute, die sich überhaupt kei­ne Gedanken über das Sterben, den Tod machen, weil sie glauben, sie werden ewig leben. Als Kind habe ich immer an den Tod gedacht... Mit diesem Bewußtsein lebe ich und bin froh, daß ich lebe. Der Tod, das Sterben als Thema eines Films, das ist nicht gewünscht, das verhindert die Maschine­rie der Branche. Die tut alles, damit die Menschen im Kopf noch ärmer werden.« Dagegen sträubt er sich; einer wie er verkauft sich nicht für Geld an einen »billigen« Film, bewahrt seine Bilder von un­serer Realität gegen den Klamauk. Sohrab Shahid Saless wird ein schwieriger, unbequemer Filmema­cher bleiben. [Thomas Thieringer, SZ, 16.5.1991]

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Seitenerstellung: Bernd Poch

Verantwortlich: Ali Farschid Zahedi

Iran, Filmemacher, Saless, Kino, Oldenburg, Melbeck, Oldenburg, Werkstattfilm

 

Weitere Informationen unter: www.saless.de