In der Fremde

BRD/Iran 1974-

R: Sohrab Shahid Saless
B: Saless, Helga Houzer
K: Ramin Reza Molai
D: Parviz Sayyad, Anasal Cihan, Muhammet Temizkan,
Hüsamettin Kaya, Ursula Kessler, Ute Bokelmann, 
91 Min., OmU

Noch einen GASTARBEITER FILM - das wollte ich nicht, sondern einen Film über das Wort ELEND, das ursprünglich einfach IM ANDEREN LAND LEBEN bedeutete, dann IN DER FREMDE hieß und einen immer schlechteren Klang bekam. [Vorspruch zum Film]

Der Film IN DER FREMDE handelt in der Tat vom Elend der Menschen, die in einem anderen Land leben müssen.

Husseyin ist Arbeiter in einer Aluminiumgießerei in West-Berlin. Zusammen mit türkischen Kollegen und Leidensgenossen wohnt er in einer kahlen Wohnung in Kreuzberg. Genau wie seine Freunde hat Husseyin nur einen Gedanken: Er will Geld verdienen - so schnell wie möglich und so viel wie möglich, um sich in der Heimat eine neue Existenz aufbauen zu konnen.

Aber es gibt Schwierigkeiten: Osman verliert seinen Arbeitsplatz, einem anderen wird die Arbeitserlaubnis nicht verlängert. Und am Ende verläßt auch Husseyins Zimmergenosse Kasim die Wohnung, weil sein Vater gestorben ist und er den Platz des Toten als Familienoberhaupt einnehmen muß. Husseyin geht, noch ein wenig einsamer als zuvor, weiter in die Fabrik ...

Auch in diesem Film verläßt sich Saless wieder auf eine ganz und gar einfache, alltägliche Geschichte, die er unter konsequentem Verzicht auf Effekt ins Bild gesetzt hat. Die dramaturgische Struktur ist einfach: Immer wieder sieht man Husseyin bei seiner eintönigen Arbeit und auf dem Heimweg durch leere Straßen. Dazwischen liegen wortkarge Abende in der gemeinsamen Wohnung und unbeholfene Versuche, Kontakt zu gewinnen. Aber die Frau, die Husseyin mit einstudierten Sätzen zu einer Tasse Kaffee einladen will, ist verheiratet und weist ihn ab. Selbst ins Bordell läßt man ihn nicht, weil man Schwierigkeiten mit dem radebrechenden Ausländer befürchtet.

So leben Husseyin und seine Leidensgenossen in totaler Isolation. Da ist es kein Wunder, daß es zur schieren Weihestunde wird, wenn ein türkischer Student, der sich durch seine Sprachkenntnisse besser angepaßt hat, eine deutsche »Freundin« zum Tee mitbringt. Da sitzen alle steif am Tisch, bewundern das reizlose Mädchen - und haben plötzlich das Gefühl, ihre Verlorenheit überspielen zu müssen. Sie legen eine Schallplatte mit türkischer Musik auf, holen stolz eine Ansichtskarte von Istanbul herbei. Das Elend, dem man entflohen ist, wird in der Fremde zum Objekt sehnsüchtiger Träume. Und wenn man auch in verzweifeltem Respekt geneigt ist, die Deutschen selbst da für »gut« zu halten, wo sie nur gönnerhafte Überheblichkeit demonstrieren, so möchte man doch irgendwann auch etwas Besonderes aufzuweisen haben.

Diese Folge deprimierender Situationen hat Saless in ganz einfachen Bildern eingefangen. Er sagt: »Ich mag nicht durch Technik, durch Travellings, Schwenks und Zooms den Zuschauer betrügen oder verwirren. Ich will ganz einfache Szenen haben, und was darin passiert, ist das Wichtigste für mich. Die Leute, die vom Kino nichts verstehen, die keine Cineasten sind, können in meinen langen Einstellungen in Ruhe zuschauen - und etwas sehen.«

Diese Kargkeit der Dramaturgie und der optischen Gestaltung bewirkt, daß der Film dem Zuschauer keine Fluchtmöglichkeit läßt. Es gibt keine dramatischen, vielleicht gar kriminalistischen Verwicklungen, die oberflächlichen Nervenkitzel bieten; es gibt keine skurrilen Typen, keine Folklore, die das Herz »erwärmen«; und es gibt keine »schönen Bilder«, an denen man sich ergötzen könnte. Für den Zuschauer gibt es nur den unaufhörlichen Blick auf eine Gruppe einsamer Menschen, die man so sehr sich selbst überlassen hat, daß sie am Ende ganz und gar verlassen sind. [Spielfilm im ZDF 2/1976]

Zurück

Seitenerstellung: Bernd Poch

Verantwortlich: Ali Farschid Zahedi

Iran, Filmemacher, Saless, Kino, Oldenburg, Melbeck, Oldenburg, Werkstattfilm